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Organismische Ontologie und Organismisches Heilen

 

Eine neue Grundlage für die somatische Psychotherapie

Peter Wilberg

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, eine Fallstudie zu lesen, die von jemandem in der Ausbildung zum Biodynamischen Psychotherapeuten geschrieben worden war. Die Autorin schien ein solides Verständnis der grundlegenden Prinzipien dieser Art der somatischen Psychotherapie zu haben. Desto bemerkenswerter, daß ich beim Lesen dieser Fallstudie denselben Eindruck hatte wie aus anderen Fallstudien - den Eindruck geistig / spiritueller Offenheit bei einer gleichzeitigen entkörperlichten Anonymität. Linguistisch wurde dies reflektiert durch das Fehlen der “ich” - Sprache. An keiner Stelle beschrieb die Therapeutin ihre organismische Wahrnehmung  des Klienten oder ihre Gefühlsreaktionen, die mit Sätzen in der ersten Person hätten eingeführt werden können, wie z.B. ‘ich hatte den Eindruck…’, ‘ich nahm wahr…’, ‘ich fühlte…’, ‘ich war berührt von…’, u.s.w. Stattdessen dominierte Sprache in der dritten Person, in der die Therapeutin ihre Erfahrung der therapeutischen Beziehung wie eine Bauchrednerin durch die Beschreibung der Gefühle des Klienten ausdrückt (‘Tony fühlte, daß…’). Die Rolle des Therapeuten und die Art der Interaktion zwischen Therapeut und Klient verschwand nahezu vollständig hinter nichtssagenden “wir - Sätzen” wie ‘wir arbeiteten an X’ oder ‘diese Gefühle wurden weiter erforscht’. Von direkter körperlicher Intervention in der Form von Massage abgesehen schien die Therapeutin eine anonyme und entkörperlichte, sich auf Worte verlassende Helferin im Prozess des Klienten zu sein, einem Prozess, der das biodynamische Grundmodell in allen Fällen bestätigte. Nun ist es ein Gemeinplatz das Fallstudien dazu tendieren, daß Modell des Psychotherapeuten zu bestätigen und auszufüllen, sei es psychodynamisch oder biodynamisch, à la Klein oder à la Jung. Es ist jedoch in gewisser Weise ein innerer Widerspruch, daß Fallstudien in Körpertherapie so wenig über den Körper des Therapeuten enthalten sollten.

Im Gegensatz dazu betont Mark Ludwig in einem Beitrag in Energy & Character (29.2.) die Wichtigkeit der Beziehungsdimension in der somatischen Psychotherapie, die Notwendigkeit während des Trainings mehr Aufmerksamkeit auf die resonant communications zu lenken, die im bipersonalen Feld zwische Klient und Therapeut stattfinden, und die Wichtigkeit des Körpers des Therapeuten beim grounding der therapeutischen Beziehung, indem dieser den Patienten hält  und ihm hilft, seinen eigenen Körper zu ankern. In diesem Beitrag versuche ich, die Natur resonanten Kontakts und resonanter Kommunikation zwischen Therapeut und Klient genauer zu definieren. Dabei schlage ich vor, daß die Grundlage dazu eher in der Kapazität des Therapeuten zu einer bestimmten Art direkter organismischer Empfänglichkeit und Erwiederungsfähigkeit liegt, als in einer empathischen Reaktion vermittelt durch Worte oder körperliche Berührung. Nehmen wir z.B. an, daß wir in den Augen des Klienten einen bestimmten Ausdruck oder Blick beobachten, von dem wir fühlen, das er bedeutungsvoll ist, weil er einen speziellen Selbst-Zustand enthüllt, der zentral ist für die Art und Weise des Patienten, die Welt zu sehen und sich auf sie zu beziehen. Es macht einen enormen Unterschied, ob man den Klienten verbal auf diesen Blick aufmerksam macht und ihm vorschlägt, daß er den zugrundeliegenden Gefühlston zu spüren versucht, oder ob man sich selbst mit diesem Blick identifiziert und durch seinen eigenen Organismus ein Gefühl dafür bekommt, das man dann dem Klienten mit denen Augen widerspiegelt. Die Wurzel des englischen Wortes “relate” (sich beziehen) kommt vom Lateinischen re-latere (eine Botschaft zurücktragen). Meiner Meinung nach kann sogenannte ‘resonante’ Kommunikation nur dann etabliert und dadurch das “Beziehungsfeld” lebendig gemacht werden, wenn der Therapeut eine Botschaft in demselben Medium zurücktragen kann in dem er sie empfangen hat, z.B. indem er auf einen Augenausdruck mit einem Ausdruck seiner eigenen Augen antwortet.

In derselben Ausgabe von Energy & Character, in der Ludwigs Artikel erschien, schreibt David Boadella darüber, wie in der Theorie und Praxis Anton Mesmers und seiner Schüler die Wichtigkeit von resonantem oder ‘harmonischen’ Rapport sowie die wichtige Rolle von Augenkontakt beim mesmerischen oder ‘magnetischen’ Heilen betont wurden. Das, was ich als ‘Organismisches Heilen’ bezeichne, findet Ausdruck in einer neu entwickelten Form des Mesmerismus und mesmerischen Heilens wobei intensiver Gebrauch gemacht wird von Augenkontakt als einem Medium direkten organismischen Kontakts und organismischer Kommunikation mit dem Klienten. Die Basis organismischen Heilens ist die grundlegende Unterscheidung zwischen der Natur des menschlichen Organismus, organismischem Kontakt und organismischer Wahrnehmung einerseits und dem physischen Körper, Körperkontakt und “Körperwahrnemung” andererseits.

Der menschliche Organismus und der menschliche Körper sind nicht dasselbe. Der menschliche Körper ist die äußerlich wahrgenommene Form des menschlichen Organismus. Dieser, jedoch, ist die pre-physische Verkörperung des inneren menschlichen Wesens. Durch den menschlichen Organismus geben wir dem, was wir sind, Form - wir leiben unser Wesen. Dieses Verständnis des menschlichen Organismus wurde abgeleitet von den profunden Gedanken Martin Heideggers über die essentielle Natur der Leiblichkeit. Heidegger unterschied den physischen Körper - ein begrenztes, meßbares Ding - vom Leib. Es ist Heideggers Verständnis des Körpers als Leib und des Leibes als lebendige Aktivität des Leibens, was mich den Ausdruck “Organismus” gebrauchen läßt. (Im Englischen gibt es kein Equivalent zu dem Wort Leib. Anm. d. Übersetzerin) Der Körper als Organismus sollte nicht als ein anderer, zweiter Körper (z.B. als sogenannter “Astralleib”) verstanden werden, sondern als das innere Wesen unserer Leiblichkeit.[1]

Teile der psychoanalytischen Gemeinde beginnen zu verstehen wie wichtig die Fähigkeit des Analytikers ist, Eindrücke, die er auf sub-symbolischer, somatischer Ebene empfängt, zu registrieren und auf sie zu reagieren - organismischer Eindrücke. Was ich organismische Sensibilität nenne, ist die Fähigkeit, den organismischen Eindruck eines anderen Menschen vollständig zu empfangen. Diese organismische Sensibilität ist in unserer eigenen organismischen Empfänglichkeit oder ‘Wahrnehmung’ begründet. Letztere darf jedoch nicht mit Körperwahrnehmung im bioenergetischen oder biodynamischen Sinne verwechselt werden, z.B. mit der wahrnehmung körperlicher Empfindungen und energetischer “streamings”. Körperempfindungen, die allein in somatischer Weise erfahren werden und deren Bedeutung oder Sinn nicht organisch gespürt wurden, sind glaube ich, eine relativ unintegrierte Form organismischer Sensibilität.  Letztere sind keine gefühlten Sinneseindrücke sondern gefühlter Sinn - Sinngestalten, die direkt gespürt und auf wortlos-organismischer Ebene wahrgenommen werden, in ähnlicher Weise, wie man Musik versteht, nämlich ohne die Notwendigkeit, die Sinngestalt verbal erklären zu müssen.

Das Wort ‘Organismus’  selbst kommt von dem Griechischen Verb organizein - ‘ein Musikinstrument spielen’. Der menschlice Organismus ist vergleichbar mit einem Musikinstrument oder organon mit dem wir unsere inneren Gefühlstöne bestimmen und gestalten, und durch welches wir mit den Gefühlstönen anderer mitschwingen. Ein Beispiel organismischer Sensibilität und Empfänglichkeit - oder dessen Mangel - ist die Fähigkeit zum Hören klassischer Musik. Die Zuhörer in einem klassischen Konzert stehen vor einem organismischen Dilemma. Von ihnen wird erwartet, daß sie die Musik vollständig auf organismische Weise empfangen und dabei zulassen, daß die Gefühlstöne der Musik einen resonanten Effekt auf ihren Organismus ausüben - aber sie dürfen auf die Musik nicht körperlich reagieren, sei es mit Tanzen, spontanen Bewegungen oder Sprache. Aus rein biodynamische Sicht ist das eine eher unnatürliche Anforderung - die Zuhörer müssen entweder den Aufbau emotionaler Ladung blockieren oder ihre motorische Entladung. Und tatsächlich, in der Körpersprache vieler unwilliger Besucher klassischer Konzerte finden wir Anzeichen für muskuläres und geistiges Unbehagen - Zappeln und Husten, wandernde Gedanken oder eine Fixierung auf äußerliche visuelle Stimuli anstatt auf die Musik. Aber wenn das so ist, warum und wie können andere Menschen eine machtvolle und aufregende Symphonie aufnehmen, ohne sich geistig oder körperlich so zu verspannen, daß sie sich vollständig gegen die Musik ‘panzern’? Diese Frage ist nicht ganz richtig gestellt, glaube ich, denn ihr liegt eine fundamentale theoretische Konfusion des physischen Körpers und seiner Emotionen einerseits mit dem menschlichen Organismus mit seinen Gefühlstönen andrerseits zugrunde.

Das Wort ‘e-motion’ deutet auf die nach außen gerichete Bewegung des Ausdrucks. Emotionen sind keine Gefühlstöne, sondern pre-physische oder virtuelle Bewegungen des physischen Körpers, die dem äußeren Ausdruck innerer organismischer Bewegungen vorangehen. Der menschliche Organismus selbst ist ein beweglicher Organismus, der sich von Gefühlstönen bewegen läßt, ohne sie auszudrücken oder auszuagieren. Wenn wir davon sprechen, daß die Musik uns ‘bewegt’, ‘erhebt’, oder ‘in eine andere Welt versetzt’, dann meinen wir weder die physische Bewegungen unseres Körpers im Raum, noch beschreiben wir einen entkörperten psychischen oder subjektiven Zustand durch körperliche Metaphern. Wir beschreiben die innere Bewegung (in-motion) des menschlichen Organismus, dessen immanente Beweglichkeit unabhängig ist von einem nach außen gerichteten motorischen Ausdruck (e-motion). Wenn der menschliche Organismus ein unabhängig beweglicher Körper ist, so ist er gleichzeitig als ein mimetischer Körper, der dazu neight, sich zum Ebenbild dessen zu formen, was er wahrnimmt. Wenn wir z.B. ein freudiges Lächeln oder Zornesfalten sehen, dann ist unser Organismus nicht nur in unmittelbarer Resonanz mit dem Gefühlston des Lächelns oder der Zornesfalten. Er beginnt sofort eine Gestalt anzunehmen, die, würde sie ausgedrückt, ein Lächeln oder Zornesfalten auch auf unser Gesicht bringen würden. OrganismischeWahrnehmung ist eine Art ‘morphischer Resonanz’ (Sheldrake), die auf der immanenten Beziehung zwischen Form oder Gestalt (morphe)und Gefühlston beruht. Der organismisch offene Musikhörer ist nicht etwa passiv sondern im Gegenteil, höchst aktiv. Doch diese Aktivität besteht weder darin, die von der Musik hervorgerufenen Emotionen auszudrücken, noch darin, sie zu unterdrücken. Sein Organismus ist zu innerer Bewegung in Resonanz zur Musik fähig und kann seinen eigenen Ton und dessen Timbre von der Musik modulieren lassen. Der Zuhörer hört nicht einfach die Musik, sondern läßt es zu, daß die Musik auf seinem Organismus spielt, ihn bewegt und trägt.

Was David Boadella ‘vegetative identification’ mit dem Klienten nennt, ist eine Art aktiver organismischer Sensibilität, die Gebrauch von der dem menschlichen Organismus innewohnenden Fähigkeit zur mimetischen Beweglichkeit macht - der Fähigkeit von der Musik eines anderen Menschen gespielt zu werden und in Resonanz mit dieser Musik seine eigene Gestalt und seine Gefühlstöne zu ändern. Die Offenheit und Beeindruckbarkeit des Organismus des Therapeuten, seine Kapazität den resonanten Eindruck der Worte und der Körpersprache des Klienten vollständig zu empfangen, kann jedoch jederzeit von seiner mentalen, motorischen und emotionalen Reaktion auf den Klienten überlagert werden - selbst wenn diese die Form therapeutischer ‘Interventionen’ annehmen. Die mentale, emotionale und motorische Reaktion des Therapeuten kann ihn davon abhalten, den Klienten wirklich auf organismischer Ebene zu empfangen. Um das zu tun, muß der Therapeut dazu in der Lage sein, ‘emotionale’ Resonanz auf organismischer Ebene zu erfahren - als subtile mimetische Bewegung seines eigenen Organismus in Resonanz mit dem inneren Lied, das er den Klienten singen hört. Diese Erfahrung verwandelt den Organismus des Therapeuten in ein Sinnesorgan  - fähig den resonanten Eindruck der verbalen und körperlichen Sprache des Klienten vollständig zu empfangen indem es dessen innere Gestalt und Gefühlston annimmt. Die subtilen organismischen Impressionen, die jetzt aufsteigen, sind dann nicht überschattet von den mentalen und emotionalen Reaktionen des Therapeuten auf den Klienten. Stattdessen ist ihre Grundlage eine intime organismische Identifikation mit dem Klienten, die zustande kommt, weil er die Musik und Stimme des Klienten auf seinem eigenen Organismus spielen und dadurch dessen Stimmung verändern lassen kann.

Der Sprache eines anderen Menschen kann mit einem Lied verglichen werden, das vor unseren Augen gesungen wird. Beim Zuschauen und Zuhören, bemerken wir drei Dinge: den Text des Gesprochenen, Inhalt und Sprache; den Tonfall des Gesprochenen, Grundton und Melodie; und das Antlitz, das damit einher geht, Gesichtsausdruck und Augenton. Empfänglichkeit für die subtilen organismischen Zeichen in diesen drei Dimensionen der Sprache können durch spezifische Arten der organismischen Nachahmung vertieft werden. Eine davon nenne ich  die ‘Internalisierung des visuellen Nachbildes’. Nur ein ‘Augenblick’ ist nötig, um einen Nachbild des Gesichts- und Augenausdruckes einer Person aufzunehemn. Wenn wir unseren Blick dann abwenden, können wir, ohne die Augen zu schließen, das Nachbild dieses Anblicks halten und betrachten. Es ist wichtig die Augen dabei nicht zu schließen. Denn nur dann können wir mit unseren Augen die subtile organismische Nachahmung des Nachbilds ausführen. Auf diese Weise können wir mit unserem Organismus spüren, wie es sich anfühlt, die Welt oder sich selbst auf solche Weise anzublicken. Organismische Identifikation beginnt mit der subtilen Anwendung der organismischen Nachahmung, die sich zu einer Art organismischer Propriozeption des Anderen entwickelt.

Was ich die ‘Internalisierung des resonanten Echos’ nenne, ist das aurale Äquivalent zur Betrachtung des visuellen Nachbildes des Klienten. Hier ist der Therapeut in der Lage mithilfe der inneren Stimme und des inneren Ohres schweigend die Sätze des anderen zu wiederholen und zu reproduzieren - d.h. die Worte in genau der Weise, in der sie gesprochen wurden, widerhallen zu lassen und dabei den Tonfall und den Text zu reproduzieren. Dadurch kann der Zuhörer die subtile Resonanz sowohl des Tonfalls als auch des Textes vollständig aufnehmen und sich die Resonanz des gesprochenen Wortes buchstäblich ‘unter die Haut’  gehen und sie in den eigenen Organismus einsinken zu lassen.

Wenn wir das resonante Echo einer Äußerung festhalten, so stört uns das paradoxerweise nicht dabei, weiter zuzuhören. Im Gegenteil, es vertieft unsere Einstimmung auf das, was der Sprecher weiterhin sagt oder noch zu sagen hat.

Authentische Kommunikation dreht sich darum, den anderen vollständig zu empfangen und vollständig empfangen zu werden. Die meisten Kommunikationsprobleme entstehen, weil jemand handelt oder auf den anderen reagiert ohne ihn zuerst so weit wie möglich zu empfangen und wahrzunehmen. Wir verstehen unter Heilen, einem anderen etwas zu ‘geben’. Doch die größte Gabe, die ein Heiler geben kann, ist die Fähigkeit, den Patienten auf tiefster organischer Ebene zu empfangen. Nur dann kann sich der Organismus zu einem sechsten Sinn entwickeln -zu einem Organ der inneren Wahrnehmung. Nur dann kann eine authentische innere Antwort auf den Patienten aus dem heilenden Kern des Organismus wachsen - aus dem inneren Wesen des Heilers. Die grundlegende Voraussetzung der Organismischen Ontologie ist es, daß die Effektivität des Heilens davon abhängt, daß der Patient vollens gesehen und gehört, gehalten und genährt wird als ein ‘leibliches Wesen’ und nicht bloß als Körper oder Geist, oder als Bündel psychosomatischer Prozesse.

Der Organismus, mit dem wir andere als Wesen empfangen und wahrnehmen können und nicht nur als Körper, ist der Leib. Wie schon Heidegger sagte, ist es der Leib mit dem wir sehen und hören, und nicht nur Informationen interpretieren, die wir von Auge und Ohr empfangen. Organismisch zu hören und zu sehen, bedeuted ‘ganz Auge’ und ‘ganz Ohr’ zu werden. Durch ihre organismische Empfängnis- und wahrnehmungsfähigkeit können organismische Heiler buchstäblich ein organismisches ‘Phantom’ des Patienten absorbieren, es im Mutterleib ihres eigenen Organismus tragen und es dem Patienten umgestaltet zurückgeben.

Aus wissenschaftlicher wie auch aus psychoanalytischer Sicht kann der menschliche Organismus mit einem Mutterleib verglichen werden, einer Matrix organisierender Gestalten oder ‘morphischer Felder’, die unseren physischen Körper, unseren Geist, unsere motorische und metabolische, emotionale und geistige Aktivität buchstäblich gestalten und bestimmen. Mit anderen Worten, wir lassen unsere physische Form, unser vergegenständlichtes Körperbild ständig aus dem inneren Feld unseres Organismus heraus reifen und geboren werden. Die ständig gestaltende Aktivität dieses Mutterleibes, dieses ‘gestaltenden’ oder ‘morphischen’ Leibes ist, so glaube ich, die Essenz dessen, was wir Energie nennen.

Biosynthese sucht die Integration des etablierten Energie - Paradigmas der somatischen Psychotherapie und der daraus folgenden ‘Energiearbeit’ mit ‘formativer Arbeit’,  ausgerichtet auf die Veränderung der inneren Gestalten oder Strukturen, die den Energiefluß regeln. Tatsächlich ist diese Integration bereits vorhanden in den Wurzeln des Wortes Energie, das von dem griechischen Verb energein abgeleitet ist. Dieses weist nicht auf das Wirken (ergon) einer biologischen oder kosmischen Kraft hin, sondern auf die formative Aktivität eines Wesens, zum Beispiel eines Handwerkers. Der physische Körper kann als die materialle Manifestation der immanenten Gestalten oder morphischen Felder des menschlichen Organismus angesehen werden. Diese sind widerum der Ausdruck der formativen oder gestaltenden Aktivität menschlicher Wesen. Diese Aktivität übt einen resonanten Einfluß auf andere Wesen aus in der gleichen Weise, in der die gestaltende Aktivität eines Musikers einen resonanten Einfluß auf die Zuhörer hat.

Organismische Gefühlstöne sind das grundlegende ‘musikalische’ Medium resonanten Kontakts und resonanter Kommunikation zwischen Wesen - die Wellenlängen der Einstimmung, die sie verbinden in einem inter-organismischen Feld. Die morphischen Felder des menschlichlichen Organismus sind nicht einfach ‘innere’ Felder, begrenzt durch den menschlichen Körper, noch sind sie eine meßbare energetische Aura, die sich über die körperliche Begrenzung hinaus ausdehnt. Stattdessen durchdringt und gestaltet das äußere Feld des menschlichen Organismus das gesamte wahrgenommene Umfeld des menschlichen Körpers, und umschließt alle sich darin befindenden anderen Körper. Das ist es, was Heidegger andeutete, als er sagte: “Der Leib ist je mein Leib. …Grenze des Leibens … ist der Seinshorizont, in dem ich mich aufhalte.” Deswegen gehört die organismische Propriozeption anderer Körper als Teil unseres eigenen organismischen Feldes zu der verborgenen Essenz unserer Leiblichkeit.

 ‘Organismische Ontologie’ ist eine Synthese der Reichschen ‘Orgonomie’, mit ihrem Schwerpunkt auf der Bioenergetik des menschlichen Körpers, und Heideggers Ontologie mit dem Leib als sich leibendem Wesen oder Dasein im Mittelpunkt.

Der physische Körper ist ein materieller Körper begrenzt in Raum und Zeit, durch den wir uns auf andere Körper in unserem physischen Umfeld beziehen. Der menschliche Organismus, hingegen, ist der Körper, mit dem wir direkt mit anderen Wesen in Beziehung treten. Wenn wir sagen, daß wir uns jemandem nahe fühlen, obwohl uns viele Kilometer trennen, oder daß wir einen Patienten halten ohne Körperkontakt zu haben, dann sind das keine Metaphern, sondern Beschreibungen unsrer organismischen Beziehungen. Selbst Sinnesfunktionen wie Sehen und Hören, Berühren und Fühlen sind im wesentlichen keine Funktionen des menschlichen Körpers, sondern des menschlichen Wesens als Dasein. Die Tatsache, daß ich deine Augen sehe oder deine Stimme höre, bedeutet nicht, daß ich Dich sehe oder höre. Doch wenn ich nicht Dich sehe oder höre, dann sehe und höre ich nicht wirklich und dann tragen selbst meine sinnlichen Wahrnehmungen weder organismische Bedeutung noch Sinn. Wir sehen und hören nicht, weil wir Augen und Ohren haben. Wir haben Augen und Ohren, weil wir sehende und hörende Wesen sind.

In einer Zeit, wenn der Neo-Darwinismus zue medizinisch-wissenschaftlichen Religion des neuen Milleniums bestimmt zu sein scheint, mit dem menschlichen Genom als seinem biochemischen Gott, ist es umso wichtiger, der Reduzierung des menschlichen Wesens auf den Körper und seine Gene Widerstand entgegenzusetzen, zu verstehen, daß nicht Körper oder Hirne sehen und hören, denken und fühlen, sondern leibenden und gestaltenden Wesen. Wenn wir jedoch selbst, als somatische Psychotherapeuten, das menschliche Wesen mit biodynamischen oder bioenergetischen Prozessen und Zyklen identifizieren, unterliegen wir unserer eigenen Form von wissenschaftlichem Reduktionismus.

Ich glaube, daß hinter jedem effektiven Heilen ein kommunikativer Heilungszyklus mit drei Phasen liegt: Mimesis (Nachahmung), Modulation und Messaging. Ich nenne die erste Stufe Mimesis und nicht Widerspiegelung nicht nur deshalb, weil sie aurale und visuelle Dimensionen hat (die Identifikation dessen, wie sich der Patient anhört und der lautlose Ton seines Blickes), sondern weil Mimesis eher eine organismische Nachahmung als eine körperliche ist. Ein kaum sichtbares ‘Spiegeln’ mit den Gesichtszügen oder ein kaum hörbares ‘Echo’ in der Stimme kann auf delikate und subtile Weise die organismische Nachahmung des Heilers offenbaren. Die zweite Phase des Heilungszyklus kann durch eine Analogie mit der Musiktherapie verständlich gemacht werden. Nehmen wir an, daß der Heiler und der Patient beide Musikinstrumente haben. Der Patient spielt einen Ton. Alles, was der Heiler tut, ist, sein Instrument auf diesen Ton einzustimmen. Während das Instrument des Heilers den organismischen Gefühlston des Patienten durch Mimese empfängt und mitschwingt, dann kann es mittels der Modulation des Tons auf den Patienten reagieren und eine heilende Mitteilung zurücktragen. Es ist als ob der Heiler während er den Ton des Patienten spielt, gleichzeitig diesen Ton moduliert und damit einen Gegenton einführt. Letztere ist im wesentlichen ein Grundton, vergleichbar mit einer tieferen, fundamentaleren Harmonie des organismischen Tons des Patienten. Dieser modulierte, gegründetet Ton kommt aus dem Kern des inneren Wesens des Heilers und trägt die heilende Botschaft durch den Organismus des Heilers zurück zum Patienten.

Der menschliche Organismus ist ein ‘morphischer’ oder gestaltender  Körper - das Instrument oder Organ, mit dem wir innere Gefühlstönen gestalten, sie in Muskel- und Nerventonus verkörpern, sie im Ton der Stimme und der Resonanz unserer Worte ausdrücken. Der menschliche Organismus ist auch das verkörperte Selbst - das Instrument, mit dem wir unser inneres Wesen personifizieren indem wir es ‘durchklingen’ (per - sonare) lassen durch unsere Maske oder Persona. So wie ein Buchstabe das lautlose Gesicht eines Tones ist, so ist das menschliche Gesicht eine lautlose Manifestation innerer Töne - organismischer Gefühlstöne. Der physische Körper als Ganzer ist das äußere Antlitz des menschlichen Organismus. Doch das, was sich im Gesicht und Körper manifestiert, wird auf direkte Weise durch die Augen offenbart. Ton und Farbe unseres Blickes entsprechen einem bestimmten Modus unserer organismischer Selbsterfahrung, einem bestimmten Selbstzustand oder ‘Ich’, das durch die Augen enthüllt wird, einer bestimmten Sichtweise der Welt oder von einem selbst, und einer bestimmten Haltung gegenüber unserem eigenen und anderen Wesen. Ein Selbstzustand, den man möglicherweise, nicht aber notwendigerweise in unserer körperlichen Haltung und in unseren Bewegungen sehen kann.

In der Praxis organismischen Heilens werden die Phasen des Heilungszyklus einerseits mittels des inneren Zuhörens und des Dialoges eingeführt, andererseits durch Perioden wortlosen Augenkontakts zwischen Heiler und Patienten, die von fünf bis zehn Minuten bis zu mehr als einer Stunde dauern können. Im ersten ‘dialogischen’ Modus, benutzt der Heiler das internalisierte Nachbild und das resonante Echo, um seinen Organismus auf den Patienten einzustimmen. Eine Grundregel dieses Modus ist es, daß die verbalen Kommunikationen des Heilers niemals seinen direkten organismischen Kontakten und Kommunikationen vorangehen oder sie gar ersetzen dürfen. Statt die Wahrnehmungen und die gefühlte Resonanz mit dem Patienten in Worte zu übersetzen,  sollten sie sie durch das Wort (dia-logos) übermittelt. Wenn der Heiler den Worten des Patienten zuhört, achtet er besonders auf das, was Anzieu ‘formal signifiers’ nennt. Das sind Schlüsselworte oder -ausdrücke, die die subjektive Erfahrung des Unwohlseins durch statische oder dynamische Metaphern von zwei- oder dreidimensionaler Form representieren. Beispiele sind ‘flach’, ‘sich in einem Wirbel befinden’, ‘nicht klar denken können’, ‘ausgelaugt’, ‘sich im Kreise bewegen’, ‘innere Leere’ usw. Der Zuhörer versteht diese Metaphern als buchstäbliche Beschreibung des organismischen Zustands, und er wird den Patienten auffordern, den benannten Zustand zu spüren und in seinen Augen sichtbar werden zu lassen.

Der zweite Modus des organismischen Heilens wird durch wortlosen ‘mesmerischen’ Augenkontakt vermittelt. Zu Anfang fordert der Heiler den Patienten, auf seinen Augen zu erlauben, das innere Unwohlsein oder die Beschwerde, die Sorgen  oder die störenden Gefühle zu zeigen - soweit dieser sich dazu in der Lage fühlt. Dabei geben die Schlüsselwörter, die der Patient benutzte um sein Unbehagen zu beschreiben, besonders seine eigenen ‘formal signifiers’, einen wichtigen Anhaltspunkt. Wenn der Patient gesagt hat, daß er sich in einem Wirbel befindet, wird der Heiler vorschlagen das wirbelige Gefühl in den Augen zu zeigen. Der Heiler, der dem Patienten gegenübersteht, schaut diesem dann in die Augen und beginnt den Prozeß der organismischen Mimesis. Indem er den Blick des Patienten internalisiert und sich mit dem ausgedrückten organismischen Zustand identifiziert, macht er resonanten Kontakt mit dem Aspekt des Wesens des Patienten, der in diesem Zustand verkörpert ist - mit dem bestimmten ‘Ich’, das aus den Augen herausschaut.

Die Anzahl der Worte, mit denen die Characteristik eines Blickes beschrieben werden kann, ist grenzenlos. Sie enthält die gesamte Nomenklatur der Gefühle (einwütender oder trauriger Blick, ein warmer oder liebevoller Blick usw.) sowie auch eine Reihe von Ausdrücken, die die Beziehung eines Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Umwelt beschreiben (ein flehender oder flirtender Blick, ein zurückgezogener oder zurückhaltender Blick, ein intensiver oder durchbohrender Blick usw.) Bestimmte Gefühlswörter wie ‘Einsamkeit’, ‘Entrüstung’ oder ‘Dankbarkeit’ zeigen deutlicher als andere eine Beziehung zu äußeren Ereignissen und inneren Zuständen und Empfindungen - z.B. ‘herzzerbrechend’ oder ‘aufgeregt’. Überdies enthüllen die Augen  unglaublich subtile Abstufungen von Gefühlen und der inneren Haltung  eines Menschen zur Welt. Zum Beispiel können wir einen trauervollen Blick von einem resignierten, trostlosen oder verzweifelten unterscheiden. Die Subtilität des Augenausdruckes einer Person, übersteigt, wenn es um die Beschreibung eines Gefühlszustandes geht, bei weitem die Subtilität der Sprache, die sich möglicherweise auf Gemeinplätze wie ‘depromiert’ oder ‘nicht gut’ beschränkt. Es sind ‘Licht’ und ‘Dunkelheit im Blick einer Person, die die gefühlsmäßige Färbung tragen. Andere Mittel, mit denen innere Zustände enthüllt werden können, sind flüchtige Bewegungen der Augen und schnelle Veränderungen des Blickes, die z.B. Unsicherheit oder Argwohn, Mißtrauen oder Verletzlichkeit, Angst, Neugierde, Verwunderung usw. ausdrücken.

Was die Augen enthüllen, transzendiert letztendlich die Sprache selbst, denn der Blick eines Menschen, wie auch immer wir ihn benennen, ist geprägt von einem nicht reduzierbaren individuellen Charakter, der einzigartige Aspekte dieses Menschen offenlegt.  Es muß noch einmal betont werden, daß diese Blicke nicht Gefühlszustände enthüllen sondern Selbstzustände - Arten der Selbsterfahrung. Gleichzeitig zeigen sie veschiedene Weisen, in die Welt hinauszublicken und andere  Wesen wahrzunehmen, und in sich selbst hineinzublicken.  Wenn wir von einem glasigen oder abwesenden Blick, einem nach innen gewendeten oder kontemplativen Blick sprechen, beschreiben wir keine Gefühle, sondern die Ausrichtung des Blickes, die verschiedenen ‘foci’ und ‘loci’. Wenn wir, frei nach Freud, das Bewußtsein eines Menschen mit einem Suchscheinwerfer vergleichen, dann sollten wir im Gegensatz zu ihm nicht voraussetzen, daß nur der Focus oder die Richtung des Lichtes geändert werden kann und das der Ursprung immer ein unveränderliches Ego oder ‘Ich’ ist. Die inneren Aspekte des Menschen sind in der Tat verschiedene Foci des Bewußtseins, doch jeder einzelne Focus hat seinen eigenen Locus, seinen Ursprungspunkt, von dem aus der Mensch schaut, und an dem er sich selbst erfährt als derjenige mit diesem bestimmten Ausblick. Das kann der Ausblick mit dem Auge des ‘Ich’ des Ego sein, der des verletzlichen oder verborgenen Kindes, oder das zutiefst einsichtsvolle und begegnungsoffene Auge des innersten Kerns eines Menschen - das Auge des inneren Wesens.

Das innere Wesen kann mehr oder weniger in den Augen present sein, oder aber zurückgezogen - wie ein Mensch, der sich dem Fenster nähert, um in die Welt hinauszuschauen oder sich in die hinterste, dunkle Ecke des Raumes zurückzieht, um zu vermeiden, daß er von Freunden oder Fremden, die hereinschauen könnten, gesehen wird. Das innere Licht kann an- oder ausgeschaltet sein, die Vorhänge zugezogen oder die Läden geschlossen, wie ein zweiter, unsichtbarer Satz von Augenlidern. Blinken kann asl Verteidigung davor dienen, daß man gesehen wird oder andere sieht, davor, daß man Augenkontakt macht oder seine Gefühle mit den Augen kommuniziert. Die Augen können als Verteidigung davor dienen, daß man einem anderen Menschen wirklich mit seinem Blick begegnet - Augen, die einen anspringen, genauso wie die, die einen leer anstarren, wegsehen oder hin- und herflitzen. Andererseits können die Augen benutzt werden, um auf direkte Weise eine Botschaft zu vermitteln - der verächtliche oder haßerfüllte Blick, der drängende oder ungeduldige Blick, der liebevolle oder verführerische Blick usw. Die vielen Dimensionen dieser ‘Sprache des Blickes’ sind somatisichen Therapeuten wohl vertraut and Alexander Lowen hat speziell über die verschiedenen Blickmodi geschrieben, die mit verschiedenen Charaktertypen des Reichschen Schemas korrespondieren - zum Beispiel der ‘abwesende’ Blick des schizoiden Charaktertypus. In ‘Lifestreams’ zitiert David Boadellas einen Bericht von Philip Gold über Wilhelm Reichs Arbeit mit einem Patienten, der auf einmal die Welt mit neuen Augen sah, nachdem Furcht und Haß aus ihnen verschwunden waren. Der Prozess begann damit, daß Reich ein neues Glitzern in den Augen des Patienten bemerkte, welches…

zusammen mit der Wendung der Augen und des Kopfes einen neuen Ausdruck aus der Tiefe seiner Augen und seines Seins hervorbrachten. Es war ein flirtender, auffordernder Blick,  eine Art von Blinzeln,  mit einem Heben der Augenlider, der Brauen und der Stirn und einer Bewegung der Augen zu einer Seite, begleitet von einem …Neigen des Kopfes in der gleichen Richtung. Als der Therapeut diesen Ausdruck nachahmte und der Patient begann, besseren Kontakt damit zu machen, nahm das ganze Gesicht daran teil, zuerst mit verschämtem Erröten, dann mit einem herzlichen Lachen.

Später geschieht ein ‘Wunder’:

Auf einmal zuckte der Patient zusammen und riß verwundert seine Augen auf. Während er den Therapeuten angesehen hatte, war dessen Gesicht auf einmal ganz weich geworden und es strahlte  mit Licht… Er sah die Welt nun auf andere Weise, als einen guten und vergnüglichen Ort, als einen zukünftigen ‘Himmel’ anstatt der ‘Hölle’, die sie gewesen war.

Boadella merkt an, daß dieser Durchbruch das direkte Resultat des Austauschs von Blicken zwischen den beiden Menschen in dem Raum war, auf der Seite des Therapeuten ein Austrecken seiner eigenen Lebendigkeit, um die vergrabene Lebendigkeit des Menschen mit dem er zu tun hatte, zu berühren und zur Aktivität anzuregen. Er fährt fort, daß ohne diese Bereitschaft den verborgenen Ausdruck wahrzunehmen und ins Leben zu bringen, jede therapeutische Begegnung ernsthaft geschwächt wäre. Weiterhin sagt er, daß, wenn ein Mensch sein inneres Selbst von einem anderen Menschen sehen lassen kann, er beginnt, für sich selbst erkennbar zu werden und nach innen schauen zu können, nicht im Sinne steriler Inspektion, sondern in dem Sinn, daß er lernt zu lieben und zu akzeptieren wer er ist, und so sich selbst zu erkennen.

In der Praxis des organismischen Heilens ist gerade die Fähigkeit des Therapeuten, den verborgenen Ausdruck wahrzunehmen und ins Leben zu bringen , von zentraler Bedeutung. Der Heiler benutzt für beides die Nachahmungsfähigkeit seines eigenen Organismus und die Ausdrucksfähigkeit seiner Augen. In dem beschriebenen Beispiel lag Reichs Fokus darin, einen bestimmten Ausdruck von Vitalität in den Augen des Patienten zu spiegeln. Der organismische Heiler legt den Fokus auf was immer er sieht und verwendet Mimesis, Modulation und Messaging, um jeden einzelnen Aspekt des Wesens des Patienten, der in dessen Blick wahrgenommen werden kann, zu empfangen und zu erwiedern. Der Heiler könnte zum Beispiel Furcht in den Augen des Patienten sehen, und gleichzeitig einen Funken von Wut. Durch organismische Nachahmung wird der Heiler sich zuerst mit den Gefühlstönen im Blick des Patienten in Resonanz bringen, ohne jedoch notwendigerweise diese Gefühlstöne als benannte Emotionene wie ‘Furcht’ oder ‘Wut’ zu identifizieren. Der Heiler moduliert dann diese Gefühlstöne mit seinem Organismus, so daß sie andere energetische und emotionale Färbung annehmen als die, die der Patient spürt. In der Erwiederung des furchtsamen und wütenden Blickes könnte der Heiler z.B. seine eigene organismische Erfahrung von ‘Wut’ als Ausdruck positiver Vitalität, von der man sich nicht zu fürchten braucht, einbringen. Gleichzeitig kann der Heiler es zulassen, daß die organismische Energie der ‘Furcht’, die er von dem Patienten empfangen hat, die agressive Vitalität der ‘Wut’ verstärkt und intensiviert. Anstatt einfach die ‘Furcht’ und ‘Wut’ des Patienten in den Augen zu spiegeln, gebraucht der Heiler seine Augen, um einen modulierten Gefühlston von ‘agressiver Vitalität’ zu kommunizieren. Dabei wird er ganz bewußt dem Patienten eine Botschaft übermitteln, die Botschaft, ‘auch Du kannst es Dir erlauben, Furcht und Wut als natürliche agressive Vitalität in Deinem Organismus zu fühlen und in Deinen Augen zu zeigen’. Diese Botschaft wird wortlos übermittelt, getragen von der schweigenden, resonanten Kommunikation zwischen Heiler und Patient in der gleichen Weise in der verbale Mitteilungen von der Resonanz des gesprochenen Wortes getragen werden.

Im organismischen Heilen werden lange Perioden mesmerischen Augenkontakts zu einem Medium direkter organismischer Resonanz zwischen Heiler und Patienten und induzieren einen Zustand tiefer mesmerischer Trance, bei der die Augen geöffnet bleiben. Dies ist der resonante ‘harmonische Rapport’ der frühen Mesmeristen. Die ‘resonante Kommunikation’ zwischen Heiler und Patient ist eine reiche und tiefe Form der Trancekommunikation, die jedoch nicht nur auf der empathischen Empfänglichkeit des Heilers und der morphischen Resonanz des Patienten beruht, sondern auf dem, was ich ‘magnetische Resonanz’ nenne, die auf telepathische Weise wirkt. Organismische Gefühlstöne sind nicht einfach nur ‘Launen’ oder ‘Stimmungen’, sondern auch Wellenlängen der resonanten Einstimmung und telepathische Trägerwellen für heilende Mitteilungen, die vom Heiler durch die Ausstrahlung seines Blickes übermittelt werden können. Die sichtbare Kommunikation durch Gesicht und Augen ist der körperliche Ausdruck dieser telepathischen Kommunikation, aber es wäre falsch anzunehmen, daß es sich dabei einfach um eine Illusion handelt, die durch die subtile Körpersprache des Gesichts und der Augen erzeugt wird. Wie John Heron in seinem Artikel über die Phenomenologie des Blickes erklärt, können wir authentischen Augenkontakt mit jemandem nur dann aufnehmen, wenn wir nicht die Augen oder das Gesicht ansehen, sondern das innere Wesen des Menschen selbst. Gleichermaßen können wir den Ausdruck in den Augen eines Menschen nur dann ‘lesen’, wenn wir den Menschen als Wesen  sehen und nicht nur die Augen. Und wir können ihm nur dann eine Botschaft mit unseren Augen vermitteln, wenn wir die Absicht haben, das Wesen des anderen anzusprechen und mit dieser Botschaft zu berühren - sie nicht einfach nur zu signalisieren.

Organismisches Heilen benutzt anhaltenden, wortlosen Augenkontakt als Medium für Diagnosis und Heilen. Diagnosis bedeutet ‘durch Wissen’ (dia-gnosis), aber diese Art von Wissen, das die Griechen mit dem Wort gnosis meinen, ist nicht Wissen ‘von’ oder ‘über’ etwas. Es ist die Art von Wissen, die wir meinen, wenn wir sagen, daß wir jemanden gut kennen - ein direktes, intimes Kennen eines anderen Menschen, und nicht etwas, das wir von ihm wissen. Was ich mit Messaging meine - der dritten Phase des kommunikativen Heilungszyklus - kann vielleicht am besten verstanden werden, wenn wir daran denken, was es bedeutet, von einem ‘wissenden’ Blick zu sprechen - einen Blick, der sowohl versteht, als auch kommuniziert, empfängt und antwortet. Ein Blick, der gemeint ist für einen bestimmten Menschen und der genau diesen Menschen meint und keinen anderen - ein Blick, der sowohl ein Wesen als auch eine Botschaft meint, und der die Mitteilung für dieses Wesen und kein anderes beabsichtigt.

Der menschliche Organismus ist der Körper mit dem wir uns auf Andere als Wesen beziehen und nicht einfach als Körper in Raum und Zeit. Je mehr wir mit unserem eigenen Organismus vertraut sind, desto näher sind wir unserem eigenen Wesen - dem Wesen, dessen menschliche Verkörperung wir sind. Reichs größte theoretische und charakterologische Schwäche war meiner Meinung nach seine Unfähigkeit, zwischen dem menschlichen Körper und dem inneren menschlichen Wesen als solchem zu machen. Das innere menschliche Wesen ist nicht das menschliche, persönliche Selbst, das wir kennen. Noch ist es ein ‘Es’ in irgendeiner Form, sei es ein libidinöses Unbewußtes oder ein ‘energetischer Kern’. Wenn, während der sehr realen und schonungslosen politischen Verfolgung durch die US Regierung, Reich gleichzeitig von UFOs als den Fahrzeugen bösartiger ‘CORE men’ aus dem Weltraum sprach, dann projizierte er, glaube ich, sein eigenes Verhältnis zum inneren menschlichen Wesen oder ‘core self’ (Kernselbst) und seine Angst davor. Reich erkannte, daß dieses Kernselbst in der Tat ein sehr anderes Wesen ist als das normale, menschliche, irdische Selbst, das wir kennen, und das sein ‘Fahrzeug’, der menschliche Organismus, nicht durch den physischen Körper begrenzt ist, sondern daß er im wesentlichen unbegrenzt von Raum und Zeit existiert.

Nicht in der Reichschen Orgonomie sondern in Heideggers ‘fundamentaler Ontologie’ wird der menschliche Körper zum ersten Mal als Ausdruck des inneren menschlichen Wesens oder Daseins verstanden. Winnicott, der nach Ludwigs Meinung unbedingt einen zentraleren Platz in der Theorie und Praxis der somatischen Psychotherapy einnehmen sollte, legte besondere Bedeutung auf das ungebrochene Seinsgefühl des Kleinkindes (‘going-on-being’) und seiner Kapazität zum ‘psychosomatischen innewohnen’ (‘indwelling’). Doch es war Heidegger, der zuerst erkannte, das alle zusammenfassenden Konzepte wie ‘psyche’ und ‘soma’ die Frage, was ein menschliches Wesen als Wesen auszeichnet - als organische, unteilbare und individuelle Einheit und nicht als Ding, das aus Teilen zusammengesetzt ist.

Trotz aller Ansprüche ‘wissenschaftlicher’ Erkenntnisse über den menschlichen Körper ist das menschliche Denken noch nicht so weit gegangen, daß es infrage stellt, was die wesentliche Bedeutung von Körperlichkeit als solcher ist. In Diskussionen mit Ärzten und Psychiatern schlug Heidegger eine radikale Antwort vor: Körperlichkeit als lebende und leibende Aktivität unseres Daseins und nicht als Satz biomechanischer, biochemischer, bioenergetischer oder biodynamischer Prozesse. Die Konzepte organismischer Ontologie und des organismischen Heilungszyklus, auf denen organismisches Heilen aufbaut, sind Verkörperungen einer therapeutischen Praxis, die versucht Heideggers tiefsten Wunsch zu erfüllen: das sein Werk den Wänden des Arbeitszimmers des Philosophen entkommen und dem Wohl weiterer Kreise dienen möge, insbesondere einer großen Zahl leidender Menschen. Wenn das gelänge, könnte es, wie ich glaube, somatische Psychotherapie in etwas wie somatische Psychotherapie verwandeln. Dabei meine ich eine Art von organischer Medizin und Heilung, wie Reich selbst sie anstrebte und mit seiner Forschungsarbeit über die Ursachen des Krebses vorwegnahm, eine Psychotherapie, die sich nicht darauf beschränken muß, Patienten mit psychologischen Problemen zu behandeln, sondern die gleichermaßen relevant ist für Menschen mit organischen Störungen.

Was ist der Unterschied im Training  - abgesehen von dem speziellen Fokus auf den intensiven Gebrauch von mesmerischem Augenkontakt - zwischen organismischem Heilen und anderen Formen somatischer Psychotherapie? Zum einen ist organismisches Heilen nicht einfach somatische Psychotherapie sondern somatische Psychotherapy. Zum anderen liegt die Antwort im grundlegenden therapeutischen Ziel. Wenn wir den gepanzerten Organismus mit einem Musikinstrument vergleichen, das verzogen und verstimmt ist, dann können wir sagen, daß die Befreiung von dieser muskulären oder visceralen Panzerung  - das Reparieren und Stimmen des Instruments - den Menschen in der Tat dazu befähight, seine ‘Energie’ auf freiere und spontanere Weise auszudrücken. Aber was geschieht, wenn dieser Mensch niemals gelernt hat, das Instrument zu spielen, oder wenn er es nur so spielen kann,  daß er es dabei beschädigt und verstimmt? Freiheit von energetischer ‘Blockierung’ und ‘Panzerung’ an sich wird einen Musiker nicht ‘spontan’ in die Lage versetzen, eine Bach Fuge oder eine Sonate von Mozart zu spielen. Sie garantiert auch nicht, das ein Mensch seinen Organismus benutzen kann,  um die Feinheiten und Reichtümer seines inneren Wesens zu kommunizieren - seine innere Musik. Der organismische Heiler ist nicht nur jemand, dessen Entwicklung und Training dafür gesorgt haben, daß sein eigener Organismus relativ frei von Panzerung ist. Der organismische Heiler ist trainiert wie ein Musiker oder Sänger, das mobile Instrument seines Organismus zu spielen - indem er sein Gesicht und seine Augen, seine Hände und seinen Körper benutzt, um die organismischen Gefühlstöne mit großem Geschick und großer Flexibilität zu modulieren. Das therapeutische Ziel  ist es nicht nur, den Organismus von der Panzerung zu befreien, sondern ihm zu helfen, sein Instrument auf neue Weise zu spielen lernen, indem er neue organismische Töne und Akkorde des Gefühls verkörpert, und damit neue Aspekte seines inneren Wesens enthüllt.

Die Nerven können mit den Akkorden zweier Musikinstrumente verglichen werden, die in größtmöglicher Harmonie und Einheit plaziert sind. Wenn ein Akkord auf einem Instrument gespielt wird, so erzeugt die Resonanz einen korrespondierenden Akkord auf dem anderen Instrument.  Tardy de Montravel

Das ‘Instrument’ oder organon ist der menschliche Organismus. Der Musiker ist das menschliche Wesen. Das Spielen ist Harmonie mit Kontrapunkt - eine Musik voller Bedeutung.

Organismische Ontologie und organismisches Heilen sind ‘medicine beyond medicine’, gegründet in der fundamentalen Unterscheidung zwischen zwischen dem menschlichen Körper und dem menschlichen Wesen, und dem Verständnis, daß Krankheit ein natürlicher Anteil des menschlichen Gesundungsprozesses ist - eines Prozesses der Ganzwerdung des Menschen. Die Gesundheit einer Pflanze wird durch den homoeostatischen Prozess erhalten. Tiere können dem Menschen als Modell ‘unabhängigen Wohlbefindens’ dienen. Aber für Menschen ist es ein andauernder Prozess organischer Veränderung oder Metamorphose, vergleichbar mit einer Symphonie - wobei wir lernen durch Resonanz mit anderen uns auf neue Aspekte unseres inneren Wesens einzustimmen und diese zu verkörpern. Der Organismus ist das leibende Selbst, die Verkörperung unseres Selbstgefühls, unseres Selbstverständnisses, unserer Selbstwahrnehmung. Wenn wir krank sind, empfinden wir nicht nur unseren Geist und unseren Körper als anders.  Wir fühlen, daß wir nicht ganz wir selbst sind. Der metamorphische Prozess kann als ein Prozess verstanden werden, der damit beginnt, daß wir uns nicht ganz als uns selbst spüren, und der dazu führt, das wir uns wieder als uns selbst erleben. Dazwischen können Manifestationen größeren Unwohlseins liegen: wir erfahren körperliche Empfindungen, Gefühle oder Gedanken, die wir als fremd, als ‘nicht selbst’ ansehen, als einen Verlust des Selbst. Die entscheidende heilende Phase des metamorphischen Prozesses besteht darin, daß wir von dem Gefühl des  ‘nicht-Selbst’ dahin gehen, ein anderes Selbst zu fühlen - das wir uns erlauben, uns organismisch mit einem neuen und bis dahin schlafenden Aspekt unseres inneren Wesens zu identifizieren. Auf diese Weise fühlen wir uns wieder als ‘wir selbst’  - jedoch als ein transformiertes Selbst, das vollständiger geworden ist. In dieser metamorphischen Phase des Heilungsprozesses liegt der Schwerpunkt auf der mesmerischen Diagnose und Heilung - wir verhelfen dem Patienten dazu die Welt buchstäblich mit neuen Augen zu sehen und mit einem neuen ‘Ich’, einem organismisch transformierten Selbstgefühl zu erleben.

Durch mesmerischen Augenkontakt wird der Heiler zur Hebamme des organismischen Heilungszyklus des Patienten. - des metamorphischen Prozesses - indem er den verborgenen Ausdruck in dessen eigenen Organismus zum Leben bringt und dadurch den metamorphischen Prozess im Patienten auslöst. Dabei bringt er nicht nur seinem Organismus dem des Patienten näher. Er bringt den Patienten näher zu dessen eigenem Organismis und dem neuen Selbstgefühl das ungeboren darin liegt. Schwangerschaft ist keine Krankheit, trotz aller damit verbundenen Unbequemlichkeiten. Krankheit ist jedoch immer eine Art organismischer Schwangerschaft - und der Heiler niemals mehr oder weniger als eine Hebamme, in der Lafe sich völlig mit den Geburtswehen des neuen Selbst zu identifizieren. Organismisches Heilen ist auch ‘maieutisches’ Heilen (nach dem griechischen Wort maieuesthai - ‘als Hebamme wirken’). Der metamorphische Prozess ist ebenfalls ein Prozess der Wiedergeburt, der Wiederverkörperung oder Reinkarnation. Der menschliche Organismus ist letztendlich ein unsterblicher Leib, ein eigener ‘Mutter-Leib’, aus dem unserer physischer Körper ständing wiedergeboren und wiederbelebt wird als Verkörperung unser inneres Selbst oder Daseins. ‘Wahrnehmung’ als solche ist der innere Blick dieses Selbst, dessen Horizont der Horizont unser Daseins ist. Das Ego ist das äußere Auge dieses Selbst. Aber so, wie der äußere Blick des Egos nach innen gerichtet werden kann,  kann der innere Blick des Selbstes selbst nach außen gerichet werden - um das unsichtbares Selbst des Anderen in seinem Wahrnehmungsfeld zu umfassen und seine verschiedenen Gesichter sichtbar zu machen. Diese Gesichter können frühere Selbst-Zustände und Selbst-Erlebnisse des Patienten in diesem Leben offenbaren, aber auch Aspekte seines organismischen Selbst, die in anderen Leben verkörpert waren.  Die menschlichen Organismus trägt in sich die resonante Spur aller seinen Verkörperungen, sowohl in anderen Leben als auch in diesem.

[1] Im Englischen gibt es kein Äquivalent für das Wort Leib, deshalb führt P.W. den Begriff organism ein. (Anm. d. Übersetz.) Zurück

© Peter Wilberg  2000

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